Die Krankenversicherung ist in der Schweiz obligatorisch – und gleichzeitig eines der kompliziertesten Themen im Schweizer Alltag. Franchise, Selbstbehalt, Prämienmodell, Zusatzversicherungen: Diese Begriffe begegnen dir beim Eröffnen eines Kontos, beim Arztbesuch und bei der Steuererklärung. Dieser Beitrag erklärt dir das System von Grund auf, sodass du fundierte Entscheidungen über deine Krankenkasse treffen kannst – und weisst, wie du legal Prämien sparst.
Das Grundprinzip: KVG und Grundversicherung
Die obligatorische Krankenpflegeversicherung ist im KVG (Krankenversicherungsgesetz) geregelt. Alle Personen mit Wohnsitz in der Schweiz müssen sich innerhalb von drei Monaten nach Wohnsitznahme bei einer anerkannten Krankenkasse versichern. Kinder müssen ab Geburt versichert werden.
Wichtig: Die Grundversicherung (KVG) ist bei jeder anerkannten Krankenkasse identisch in ihren Leistungen. Ob du bei der Helsana, der CSS, der Swica, der Concordia oder einer anderen Kasse bist – der Leistungskatalog ist gesetzlich festgelegt. Was sich unterscheidet, sind die Prämien (können stark variieren) und der Service. Das ist der Grund, warum ein Krankenkassenwechsel Sinn machen kann: gleiche Leistung für weniger Geld.
Was deckt die Grundversicherung ab?
Die KVG-Grundversicherung deckt nach Abzug von Franchise und Selbstbehalt folgende Leistungen ab:
- Ambulante Arztbesuche (Hausarzt, Spezialist:innen)
- Stationäre Spitalbehandlung (allgemeine Abteilung im Kanton, in dem du wohnst)
- Notfallbehandlungen auch im Ausland (limitiert)
- Medikamente auf der Spezialitätenliste des Bundes
- Laboranalysen
- Physiotherapie (unter bestimmten Voraussetzungen)
- Mutterschaft (ambulant und stationär, ohne Kostenbeteiligung)
- Vorsorgeuntersuchungen (z. B. Mammografie, Darmkrebsvorsorge)
Nicht gedeckt von der Grundversicherung: Zahnarztbehandlungen (ausser bei bestimmten Krankheiten), Brillen und Kontaktlinsen (ausser bei Kindern bis 18), kosmetische Eingriffe, alternative Medizin nur teilweise.
Franchise: das musst du zuerst selbst zahlen
Die Franchise ist ein Jahresbetrag, den du bei Krankheitskosten zuerst selbst trägst, bevor die Krankenkasse einspringt. Für Erwachsene gibt es folgende Franchisestufen (Stand 2026):
- 300 Franken (gesetzliches Minimum)
- 500 Franken
- 1 000 Franken
- 1 500 Franken
- 2 000 Franken
- 2 500 Franken (gesetzliches Maximum)
Wählst du eine hohe Franchise (z. B. 2 500 Franken), zahlst du eine tiefere monatliche Prämie. Im Gegenzug trägst du das erste Kostenrisiko selbst. Das Kalkül: Wer jung und gesund ist und kaum Arztkosten hat, spart mit hoher Franchise netto meistens Geld. Wer chronisch krank ist oder regelmässig Medizinleistungen braucht, ist mit einer tiefen Franchise oft besser bedient.
Faustregel: Wenn deine jährlichen Arztkosten voraussichtlich unter deiner Franchise liegen, lohnt sich eine hohe Franchise. Falls du die Franchise sowieso erreichst, empfiehlt sich die tiefe Franchise.
Selbstbehalt: 10% nach der Franchise
Sobald du deine Franchise verbraucht hast, übernimmt die Krankenkasse den Grossteil der Kosten. Aber nicht alles: Du trägst noch einen Selbstbehalt von 10% der weiteren Kosten selbst, bis zu einem Jahresmaximum von 700 Franken (für Erwachsene). Danach übernimmt die Krankenkasse 100% der gedeckten Kosten bis Jahresende.
Ein Beispiel: Du hast eine Franchise von 300 Franken. Du hast im Jahr Arztkosten von 1 500 Franken. Die Krankenkasse rechnet so:
- Erst bezahlst du die 300 Franken Franchise selbst
- Die verbleibenden 1 200 Franken: davon trägst du 10% Selbstbehalt = 120 Franken
- Die Krankenkasse bezahlt 1 080 Franken
- Dein Eigenanteil: 300 + 120 = 420 Franken
Im schlimmsten Jahr (hohe Kosten) trägst du also maximal Franchise + 700 Franken Selbstbehalt: bei Franchise 300 sind das maximal 1 000 Franken pro Jahr; bei Franchise 2 500 maximal 3 200 Franken.
Prämienmodelle: wie du Prämien reduzieren kannst
Neben der Franchisewahl kannst du mit dem Versicherungsmodell die Prämien senken. Die Modelle unterscheiden sich darin, wo und wie du zum Arzt gehst:
Standardmodell (freie Arztwahl)
Du kannst direkt zu jedem Arzt oder jeder Ärztin gehen. Teuerste Variante, aber maximale Freiheit.
Hausarztmodell (HMO / Managed Care)
Du verpflichtest dich, bei gesundheitlichen Problemen zuerst deinen Hausarzt aufzusuchen, der dich wenn nötig an Spezialist:innen überweist. Prämienrabatt gegenüber dem Standardmodell, oft 10–20%.
HMO-Modell (Health Maintenance Organization)
Du wählst ein Gesundheitszentrum mit mehreren Ärzt:innen als erste Anlaufstelle. Oft der günstigste Premiumrabatt.
Telmed-Modell
Vor jedem Arztbesuch rufst du zuerst eine medizinische Telefonberatung an. Günstig, aber erfordert einen zusätzlichen Schritt.
Für junge, gesunde Menschen ohne regelmässige Facharztbesuche sind HMO oder Hausarztmodelle mit hoher Franchise eine häufig kostengünstige Kombination.
Prämienverbilligung: bezahlst du zu viel?
In der Schweiz gibt es Prämienverbilligungen (Subventionen) für Personen und Haushalte mit tieferem Einkommen. Jeder Kanton regelt dies unterschiedlich. Prüfe auf der Website deines Kantons oder beim zuständigen Amt, ob du Anspruch auf Verbilligung hast. Viele Menschen – insbesondere junge Berufseinsteiger:innen, Studierende oder Personen mit tiefem Teilzeiteinkommen – haben Anspruch, ohne es zu wissen.
Wann und wie Krankenkasse wechseln?
Du kannst die Krankenkasse auf Ende Jahr wechseln, wenn du die Kündigung bis Ende November eingereicht hast. Ein Wechsel ist ausserdem möglich, wenn die Krankenkasse die Prämien erhöht – in diesem Fall hast du ein Sonderkündigungsrecht.
Bei einem Wohnortswechsel in eine andere Prämienregion lohnt sich immer ein Vergleich. Nutze das offizielle Vergleichstool des Bundesamts für Gesundheit (priminfo.admin.ch) oder Vergleichsportale wie comparis.ch, um die günstigste Option mit dem gewünschten Modell zu finden.
Zusatzversicherungen: sinnvoll oder nicht?
Über die KVG-Grundversicherung hinaus bieten Krankenkassen freiwillige Zusatzversicherungen (VVG) an. Hier die wichtigsten:
Spitalzusatzversicherung
- Halbprivat: Zweibettzimmer, Wahl des Arztes/der Ärztin im Spital
- Privat: Einbettzimmer, freie Arztwahl, Chefarztbehandlung
- Sinnvoll für: Menschen, die Komfort und Wahlfreiheit im Spital schätzen und die Prämie tragen können
- Nicht sinnvoll für: Menschen mit knappem Budget; die medizinische Versorgung in der allgemeinen Abteilung ist in der Schweiz sehr gut
Zahnzusatzversicherung
- Deckt Zahnarztkosten teilweise oder vollständig ab
- Wichtig zu wissen: Die meisten Zusatzversicherungen übernehmen nur laufende Behandlungen, keine bereits bestehenden grossen Schäden
- Abschluss lohnt sich vor allem jung, wenn noch keine grossen Behandlungen geplant sind
Alternativmedizin / Komplementärmedizin
- Deckt Leistungen wie Akupunktur, Homöopathie, Naturheilkunde ab
- Nützlich, wenn du diese Behandlungsformen nutzt; sonst unnötig
Auslandskrankenschutz / Reiseversicherung
- Die Grundversicherung zahlt im Ausland nur bis zum doppelten Betrag, der in der Schweiz anfallen würde – das kann bei schweren Erkrankungen im Ausland zu einer Deckungslücke führen
- Eine Auslandsergänzung oder eine separate Reiseversicherung ist empfehlenswert für häufige Reisende
Krankenkasse Checkliste: Was solltest du jährlich prüfen?
- Ist mein gewähltes Modell (Hausarzt, HMO, Telmed, Standard) noch passend?
- Stimmt meine Franchise mit meinem tatsächlichen Gesundheitsbedarf überein?
- Ist meine Prämie im Vergleich zu anderen Kassen noch günstig?
- Habe ich Anspruch auf Prämienverbilligung?
- Sind meine Zusatzversicherungen noch sinnvoll oder lassen sich Kosten einsparen?
Dieser Check dauert jährlich nur 20–30 Minuten – kann aber hunderte von Franken sparen.
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